5. Kapitel:  Und ab geht's in die Luft

Heute Nacht kann Karli nicht gut schlafen. Er ist schrecklich aufgeregt und ständig geht ihm im Kopf herum, was Charlotte gesagt hat, wie sie ihren Schluckauf bekam, wie er sie angemalt hat, und jetzt will sie auch noch fliegen! Geflogen ist Karli noch nie. Ob Charlotte auch wirklich fliegen kann oder ob sie nur große Sprüche geklopft hat? Ob das gefährlich ist? Aber schließlich ist Charlotte ja noch nie abgestürzt, sonst wäre sie ja nicht hier.
 Um 5 Uhr wacht er wieder auf und kann überhaupt nicht mehr einschlafen. Er zählt bis dreihundert, weiter kann er es noch nicht. Als es dann erst Viertel nach fünf ist, zählt er eben nochmal bis dreihundert und dann nochmal. Um 6 Uhr ist es endlich soweit. Die ersten Sonnenstrahlen blinzeln durch die kleinen Löcher der Rollläden. Karli zieht sich leise an: sein blaues T-Shirt und die kurze Jeanshose. Dann steckt er noch vorsichtshalber die Schokoladentafel ein, die ihm am letzten Wochenende sein Opa mitbrachte. Bevor er zur Haustür geht, holt er leise Mamas Besen aus dem Besenschrank. Er bleibt stehen und horcht noch einmal. Niemand hat ihn gehört, es ist ganz still im Haus.
 Charlotte wartet draußen schon.
 "Karli, wir haben herrliches Wetter zum Fliegen und es weht kein Wind. Das ist wichtig, denn sonst treibt uns der Wind beim Fliegen ab", jetzt spricht Charlotte wieder einmal richtig wichtigtuerisch. "Unsere Startbahn ist der Plattenweg zum Garten, denn ich muss etwa sieben Meter und fünfzig Zentimeter anrollen."
 Karli sieht das vollkommen ein und räumt noch schnell die alte Gartenschaufel zur Seite, die mitten auf der Rollbahn liegt. Aber wozu braucht Charlotte einen Besen?
 "Den Besen musst du unter den Deckel schieben, genau in die Mitte, so kann ich ihn am besten festklemmen. Ohne Besen kann ich nicht gerade fliegen. Dann drehe ich mich immer im Kreis und einmal bin ich schon abgestürzt, weil ich den Besen verloren hatte. Du kannst die Delle neben dem linken Rad heute noch sehen."
 Bei dem Wort abgestürzt erschrickt Karli, doch er will vor Charlotte kein Angsthase sein. Aber jetzt heißt es:
  Einsteigen!
 Weil die Tonne für ihn noch zu hoch ist, schiebt er sein Dreirad neben Charlotte. Vom Dreirad aus müsste er über den Tonnenrand klettern können.
 "Du brauchst noch etwas zum Draufstehen, sonst kannst du ja beim Fliegen nicht hinaus- schauen."
 Da hat Charlotte allerdings recht. In der Garage liegen einige leere Pappkartons. Karli sucht sich einen stabilen aus, steigt aufs Dreirad und wirft ihn in die Tonne. Schließlich, und das ist gar nicht so einfach, steigt er selbst ein. Charlotte erklärt ihm noch einmal, wie er den Besen ausrichten muss, dann klappt der Deckel zu und schon rollt sie auf den Plattenweg.
 "Achtung, fertig - festhalten!"
 Charlottes Räder holpern über die Platten, die Tonne wackelt und zittert gewaltig und Karli drückt fest beide Augen zu – aber plötzlich wird um ihn herum alles wieder ganz ruhig und nur ein frischer Luftzug pfeift durch die kleine Deckelöffnung.
 "Es hört sich gerade so an, als würde Papa beim Autofahren das Seitenfenster öffnen", denkt Karli. Er hat noch gar nicht gemerkt, dass er mit angezogenen Beinen auf dem Karton sitzt. Jetzt steht Karli auf und guckt durch den Deckelschlitz:
 Ui - was er da sieht, ist unglaublich!
 Charlotte fliegt gerade über Besenmachers Haus. Er kann genau den kleinen Goldfischteich in Besenmachers Garten erkennen.
 "Gefällt es dir?", fragt Charlotte.
 "Das ist toll! Das hätte ich nie geglaubt, da wohnen Besenmachers und dort ist die kleine Brücke! Wo fliegen wir eigentlich hin?" Karli ist begeistert.
 "Wo willst du denn hin?", fragt Charlotte, "wenn es nicht so weit ist, erfülle ich dir jeden Wunsch."
Karli überlegt kurz:
 "Zum Entenweiher, da darf ich nämlich alleine nie hin. Aber heute bist du ja dabei."
 Charlotte zieht langsam eine Linkskurve und Karli kann die Häuser von Simelau alle von oben sehen. Das ist lustig. Vor allem die Gärten mit den bunten Blumen sehen lustig aus, wie seine Bilder, wenn er mit Wasser-farben malt. Und die Dächer sind ja ganz verschieden! Karli hat auf seinen Bildern bisher immer alle Dächer rot gemalt. Jetzt fällt ihm auf, dass es ja hellrote, dunkelrote, braune und fast schwarze Dächer gibt.
 Nach weiteren fünf Minuten ruft Charlotte:
 "Karli, schau, da vorn ist der Entenweiher!"
 Charlotte geht etwas tiefer, weil Karli das Entenhaus genauer sehen will. Als sie gerade den Weiher erreicht haben, ruft Karli:
 "Charlotte, siehst du die zwei ....?" - und jetzt geht alles unglaublich schnell: Auf einmal ist ein lautes Klappern zu hören und zwei kleine schwarze Schatten fliegen haarscharf an Charlotte vorbei. Karli erschrickt fürchterlich und zieht sofort den Kopf ein. Plötzlich, ein lautes Hicks-klapp-klapp! und beim letzten Klapp wird es schlagartig dunkel in der Tonne. Noch einmal Hicks-klapp-klapp! und vor jedem Klapp scheint ganz kurz ein Lichtstrahl in die Tonne. Dann dreht Karli sich plötzlich im Kreis, erst langsam, dann immer schneller.
 "Wo ist der Besen?", denkt er noch und plötzlich wird ihm ganz schwindlig ...