13. Kapitel:  Rollo Gruschke macht eine neue Erfahrung

 Noch am selben Nachmittag begegnet der junge Bankangestellte Herr Träuble rein zufällig Frau Gruschke, der Frau seines früheren Chefs, und das genau vor Karlis Zuhause.
 Um diese Zeit führt sie immer ihren kleinen Hund Rollo aus. Frau Gruschke war noch nie besonders freundlich zu Karli, eigentlich schaut sie immer genauso missmutig drein wie ihr Rollo. Karli findet, dass Frau Gruschke und Rollo sich sogar ähnlich sehen, wie Geschwister. Aber als er das einmal zu seiner Mami sagte, schimpfte sie ihn ein bisschen, weil man so etwas über andere Leute natürlich nicht sagen darf. Doch jedes Mal, wenn Karli die beiden sieht, muss er immer wieder dasselbe denken und denken ist ja nicht verboten.
 In der Garageneinfahrt steht Charlotte zum Trocknen. Kurz zuvor hat Karli sie mit Wassereimer und Bürste von den Schmutzspuren ihrer Bruchlandung gereinigt.
 "Der Herr Träuble, das ist aber eine schöne Überraschung!" Frau Gruschke begrüßt ihn so laut, dass es gleich die ganze Straße hört.
 Rollo schnüffelt überall herum, zuerst am Bordstein, dann ein bisschen länger an der Hecke (da riecht etwas nach Katze!) und schließlich beschnüffelt er intensiv die Hosenbeine von Herrn Träuble.
 "Pfui, Rollo, pfui, pfui!"
 Frau Gruschke zieht mit einem kurzen Ruck, an der Leine.
 "Guten Tag Frau Gruschke", antwortet Herr Träuble höflich und etwas verlegen fügt er hinzu: "Ich muss eben noch schnell zur Apotheke."
 "Aber sie sind doch nicht etwa krank?" Frau Gruschke schaut ihn beinahe vorwurfsvoll an. "Also, als mein Mann noch in der Bank war, der war eigentlich nie krank!"
 Jetzt blickt sie den leicht verdatterten Herrn Träuble richtig triumphierend an.
 "Ach, es ist nicht so schlimm, ich habe bloß ..."
 "Aber doch nicht etwa ein Magengeschwür? - Ich kann Ihnen sagen, ich hatte im letzten Jahr ein Magengeschwür, und das wünsche ich wirklich niemandem!"
 Herr Träuble möchte noch einmal erklären, dass ...
 "Und mein Mann hatte im Frühjahr eine Angina, und, sie kennen ja meinen Mann, zuerst hat er nur draußen im Garten gearbeitet und plötzlich, verschwitzt wie er war - Angina! Was sagen Sie dazu?"
 Ja, was soll Herr Träuble dazu sagen? Verstohlen schaut er auf die Uhr, denn er sollte noch vor 17.OO Uhr wieder in der Bank sein.
 "Ja, das glaube ich Ihnen gerne ..." beginnt er, "ich hoffe aber doch, dass es Ihrem Mann ..."
 "Sie kennen doch meinen Mann!", herrscht sie ihn jetzt an, "nicht einmal im Urlaub ...", und sie redet und redet, und Herr Träuble hört höflich zu, was bleibt ihm denn auch anderes übrig?
 Währenddessen schnüffelt Rollo an Charlotte herum. Er hat sie bereits dreimal umrundet und findet einige Gerüche an ihr recht seltsam. Gurken? Seifenwasser? Bei Katze ist er sich nicht so recht sicher. Gerüche hin, Gerüche her, es wird Zeit, dass er auch einmal seine eigene Geruchsmarke setzt. Das unbeschädigte Rad ist dazu der geeignete Platz.
 "... wir hatten ein Doppelzimmer in einer netten kleinen Pension direkt am Waldrand, mit Frühstück und wunderbarem Ausblick, was glauben Sie, was das gekostet hat?"
 Herr Träuble hat natürlich keine Ahnung. Aber gerade in diesem Moment hebt Rollo sein rechtes hinteres Bein. Da schießt Charlotte nur etwa 10cm vor und schlägt dazu laut zweimal mit dem Deckel. Frau Gruschke lässt vor Schreck ihre Einkaufstasche fallen und Rollo bekommt einen so harten Klaps auf den Po, dass er fast einen Meter weggeschleudert wird. Dabei überschlägt sich der kleine Hund und als er wieder aufstehen will, bleibt ein Vorderbein in der Leine hängen, so dass er gleich noch einmal auf seine runzlige Schnauze fällt.
 "Rollochen, mein Hundi, was ist denn passiert?"
 Jetzt bückt sie sich zu dem leicht verbogenen Hund und streichelt ihn behutsam am Kopf. Misstrauisch schaut sie sich um, erblickt aber nur die Mülltonne und Herrn Träuble. Ob der wohl etwas mit diesem seltsamen Vorgang zu tun hat?
 "Herr Träuble, können Sie mir erklären, was hier mit meinem kleinen Rollo gerade passiert ist?"
 Herr Träuble ist genauso erschrocken und stottert verlegen:
 "Tja, ich weiß auch nicht so recht, die Tonne ist plötzlich ..."
 Jetzt ist Rollo aber wieder auf den Beinen und Rollo ist kein Feigling. Er weiß ganz genau, wer ihm diesen üblen Streich gespielt hat. Wild bellt er Charlotte an und knurrt dann so laut, wie Rollo in seinem ganzen Hundeleben noch nie geknurrt hat.
 "Aber Rollochen ...???"
 Doch nun knurrt Charlotte zurück, ganz tief und bedrohlich und so leise, dass es nur die feinen Ohren von Rollo hören können. Aber so etwas hat er noch nie erlebt. Rollos Fell sträubt sich in alle Richtungen, seine Schnauze fängt an zu kribbeln und mit einem riesigen Satz schießt er über die Gehwegkante und reißt Frau Gruschke die Leine aus der Hand.
 "Aber Rollochen, Rollochen ! Was ist..., was machst du denn, wo willst du denn ...?"
 Doch Rollo rast bereits in wilder Flucht die Straße hinunter. Da vergisst Frau Gruschke Charlotte, den Herrn Träuble und sogar ihre Einkaufstasche und läuft ihm mit lautem Geschrei hinterher.
 "Rollo, Rollochen, Rollo ..., warte doch!"
 Herr Träuble ist recht froh, dass er jetzt endlich zur Apotheke gehen kann. Er hebt Frau Gruschkes Einkaufstasche auf und legt sie auf Charlotte, dann geht er weiter und versucht dabei vergeblich zu verstehen, was hier gerade passiert ist. Als er außer Sichtweite ist, hebt sich Charlottes Deckel so weit, bis die Tasche mit einem lauten Knall herunterfällt. Dabei kullert ein Becher mit Erdbeerjoghurt heraus und platzt auf.
Auf der anderen Straßenseite öffnet sich Pfeiffers Gartentürchen um ein paar Zentimeter und Meike schlängelt sich geschmeidig durch die Öffnung. Sie hat alles genau beobachtet und sie frisst Erdbeerjoghurt für ihr Leben gern.